Warum der Bremer Männertag heute mutiger ist, als viele denken
- Fabian Surrey
- 15. Feb.
- 3 Min. Lesezeit

Foto: Karsten Klarma
Der Bremer Männertag ist für mich kein Event im klassischen Sinne. Keine Konferenz. Kein Pflichttermin. Kein Programmpunkt im Kalender.
Er ist ein Raum.
Ein Raum, in dem Männer einander jenseits von Rollen, Erwartungen und Leistungsdruck begegnen können. In Gesprächen. In Workshops. In Stille. In gemeinsamer Reflexion.
Seit über zwei Jahrzehnten entsteht dieser Tag aus dem Engagement vieler Männer. Es ist ein Gemeinschaftsprojekt. Und gleichzeitig möchte ich an dieser Stelle klar sagen:
Was ich hier schreibe, ist meine persönliche Sicht.
Vielleicht spreche ich damit auch anderen aus dem Organisationsteam aus dem Herzen. Vielleicht auch nicht. Und das ist in Ordnung.
Warum Männerarbeit für mich heute Sinn macht
Ich erlebe, wie sich gesellschaftliche Anforderungen an Männer verändern. Rollenbilder verschieben sich. Erwartungen werden komplexer. Sicherheiten lösen sich auf.
Gleichzeitig nehme ich wahr, dass es nur wenige Orte gibt, an denen Männer diese Veränderungen gemeinsam reflektieren können – ohne sofort bewertet oder in eine Schublade gesteckt zu werden.
Für mich bedeutet Männerarbeit nicht Abgrenzung. Sie bedeutet Begegnung. Es geht nicht darum, gegen etwas zu sein. Es geht darum, in Beziehung zu bleiben – mit sich selbst und mit anderen.
Zuhören statt Überzeugen. Reflektieren statt Rechthaben. Verantwortung übernehmen statt Schuld verteilen. So verstehe ich das.
Die Kritik am Bremer Männertag – und meine Haltung dazu
Über die Jahre gab es immer wieder Kritik. Während draußen Kriege toben. Während politische Systeme ins Wanken geraten. Während sich globale Machtverhältnisse verschieben.
Und ihr trefft euch, um über euch selbst zu reden?
Ich verstehe diesen Einwand. Wirklich.
Auch ich frage mich manchmal: Ist das gerade angemessen? Ist das genug?
Und dennoch komme ich für mich zu einer klaren Haltung:
Wenn wir nicht fähig sind, uns selbst zu halten, wenn wir keine angemessene Selbstwahrnehmung entwickeln, wenn wir unsere eigenen Ängste, Wut und Unsicherheiten nicht differenzieren können, dann haben wir weniger Einfluss auf das, was draußen geschieht – nicht mehr.
Innere Arbeit ist für mich kein Rückzug
Für mich ist Selbstreflexion kein Rückzug aus der Welt. Sie ist Voraussetzung, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben. Wer innerlich ungeklärt ist, wird leichter getrieben. Von Empörung. Von Angst. Von Polarisierung. Von vereinfachenden Weltbildern.
Ich erlebe, wie stark Algorithmen heute Emotionen verstärken. Wie schnell man in Empörungsdynamiken hineingezogen wird. Wie leicht man sich von provokativen Meinungen leiten lässt.
Ein stabiles Selbst entsteht nicht durch Lautstärke. Es entsteht durch Bewusstheit. Und genau das suche ich in Männerarbeit: einen Raum, in dem ich mich selbst besser verstehen kann.
Das alte Modell von Männlichkeit trägt für mich nicht mehr
Ich glaube nicht mehr an das Bild, dass Männer sich zusammentun müssen, um „gegen etwas“ zu kämpfen. Dieses Narrativ – wir schmieden einen Plan, organisieren eine wehrhafte Gruppe gegen dies oder das – trägt für mich heute nicht mehr.
Und gleichzeitig will ich nicht missverstanden werden: Während ich das schreibe, denke ich an die Männer in der Ukraine. Dort geht es ums Überleben. Das ist eine existenzielle Realität.
Ich spreche von uns. Von Männern, die das Privileg haben, nicht in solcher Not zu sein. Und in diesem Kontext ist das schnelle „Wir müssen doch etwas tun!“ für mich oft eine verkürzte Reaktion auf komplexe Wirklichkeit.
Die Welt ist komplexer geworden.
Für mich geht es heute darum, ein stabiles, flexibles Selbst auszubilden. Eines, das Ambivalenz aushält. Das nicht bei jedem Trigger anspringt. Das zwischen Gefühl und Handlung unterscheiden kann.
Ich glaube, dass wir lernen können, Angst wahrzunehmen, ohne ihr ausgeliefert zu sein. Zu fühlen – und trotzdem klar zu urteilen. Uns von Intuition leiten zu lassen oder von Vernunft.
Entscheidend ist: Wir haben die Wahl. Das ist keine Passivität. Im Gegenteil. Es bedeutet, bewusster zu entscheiden.
Ein Männerkreis ersetzt nichts – aber er erinnert
Ein Männerkreis ersetzt keine Therapie, kein Coaching und keine Partnerschaft. In meiner eigenen Arbeit in Bremen begleite ich Männer ergänzend in psychotherapeutischer Prozessarbeit und Atemarbeit.
Aber ein Kreis unter Männern kann – zumindest für mich – ein Ort sein, an dem ich mich erinnere, wer ich jenseits von Erwartungen bin.
Ein Ort, an dem ich nicht funktionieren muss. Ein Ort, an dem ich Unsicherheit aussprechen darf. Ein Ort, an dem Verantwortung nicht Druck bedeutet, sondern Bewusstsein. Ich weiß, dass Männerarbeit nicht die Welt rettet. Aber ich glaube, sie macht Männer stabiler und flexibler.
Und stabile, flexible Männer treffen – so hoffe ich – differenziertere Entscheidungen.
Vielleicht spreche ich nur für mich
Wie gesagt: Das hier ist meine persönliche Sicht.
Der Bremer Männertag ist ein Gemeinschaftsprojekt mit unterschiedlichen Haltungen, Perspektiven und Schwerpunkten. Genau das schätze ich daran.
Ob meine Worte für alle im Team sprechen? Das weiß ich nicht. Aber ich wollte sie teilen. Weil ich überzeugt bin, dass ehrliche Begegnung unter Männern Kraft hat. Weil ich selbst erfahren habe, wie klärend Dialog sein kann. Und weil ich glaube, dass innere Stabilität kein Luxus ist – sondern eine Notwendigkeit in einer lauten Welt.
So sehe ich das.
Und vielleicht beginnt Verantwortung genau dort:
bei der Bereitschaft, die eigene Haltung sichtbar zu machen.



Kommentare