Stark sein? Für wen eigentlich.
- Fabian Surrey
- 22. Feb.
- 4 Min. Lesezeit

Ein Gespräch mit Karsten Klama über Druck, Humor – und das, was Männer wirklich trägt
„Starkes Ich – starkes Wir“ – unter diesem Motto steht der diesjährige Bremer Männertag. Doch was bedeutet Stärke heute überhaupt noch? Funktionieren? Durchhalten? Kontrolle behalten?
Im Gespräch spricht Karsten Klama, Mitorganisator des Bremer Männertags, über Erwartungsdruck, Kontrollverlust, Humor in Krisen – und darüber, warum Männerarbeit nur dann trägt, wenn sie langfristige Verbindung schafft.
Der Bremer Männertag steht unter dem Motto „Starkes Ich – starkes Wir“. Warum dieses Thema gerade jetzt?
Klama: Wir erleben, dass viele Männer unter einem hohen Erwartungsdruck stehen. Stark sein heißt für viele immer noch: funktionieren, durchhalten, keine Schwäche zeigen. Gleichzeitig bröckeln klassische Rollenbilder – im Beruf, in Partnerschaften, in der Familie.
Das Motto soll einen Raum öffnen, um Stärke neu zu denken: nicht nur als individuelle Leistung, sondern als etwas, das im Miteinander entsteht.
Männer sollen stark sein – aber für wen eigentlich?
Klama: Genau das ist die Kernfrage. Für wen mache ich mich stark? Für den Arbeitgeber, für die Familie, für gesellschaftliche Erwartungen – oder auch für mich selbst?
Viele Männer merken irgendwann, dass sie Stärke jahrelang von außen definieren lassen. Dabei verlieren sie den Kontakt zu sich selbst.
Fürchten Männer Schwäche – oder eher den Verlust von Status und Kontrolle?
Klama: Ich glaube, es geht weniger um Schwäche als um Kontrollverlust. Viele Männer haben gelernt: Wenn ich die Kontrolle verliere, verliere ich an Wert. Gefühle, Abhängigkeit oder Hilfebedarf werden dann als Risiko erlebt – nicht als menschliche Realität.
Gemeinschaft bedeutet Nähe, Verletzbarkeit, Abhängigkeit. Warum fällt Männern das oft schwerer als Konkurrenz?
Klama: Konkurrenz ist überschaubar. Nähe ist komplex. Viele Männer haben nie gelernt, wie man in Beziehung bleibt, wenn es unsicher wird. Das macht das „Wir“ anstrengender als den Rückzug ins Ich.
In Krisenzeiten wächst die Sehnsucht nach autoritären Männlichkeitsbildern. Rückschritt oder verständlicher Reflex?
Klama: Verständlich – aber gefährlich. Wenn Orientierung fehlt, greifen Menschen nach einfachen Bildern. Autoritäre Männlichkeit verspricht Klarheit, schafft aber oft neue Probleme. Nachhaltige Stärke heißt, Ambivalenz auszuhalten. Und das ist deutlich anspruchsvoller.
Gibt es beim Männertag konkrete Situationen, in denen „Starkes Ich – starkes Wir“ spürbar wird?
Klama: Ja, und oft in ganz unspektakulären Momenten. Es gibt beim Männertag immer wieder unvorhergesehene Ereignisse. Mal vergisst die Bäckerei den Kuchen. Mal muss jemand aus dem Organisationsteam kurzfristig absagen – und plötzlich sind wir einer weniger.
Meine Stärke war dann, Ruhe zu bewahren. Oft haben wir im Team, obwohl wir gerade geschwächt waren, kurz innegehalten und gemeinsam eine Lösung gefunden. Und am Ende war sie manchmal sogar besser als der ursprüngliche Plan. Genau da entsteht ein starkes „Wir“.
Gab es einen Moment, in dem du selbst – jenseits deiner Rolle als Organisator – berührt oder herausgefordert wurdest?
Klama: In einem Theaterworkshop von Pablo Keller ging es darum, wie man Krisen mit Humor begegnet. Ich habe dort so viele strahlende, glückliche Männer gesehen, dass ich dachte: Da ist etwas dran.
Wenn es stressig wird, versuche ich heute öfter, das Absurde in einer Situation zu entdecken. Das kommt nicht immer gut an – aber manchmal hilft es enorm. Für mich war das eine wichtige Erfahrung: Humor kann ein Zugang sein, um anders mit Druck umzugehen.
Wovor haben Männer heute am meisten Angst – auch wenn sie es selten aussprechen?
Klama: Ich glaube, es fällt uns immer noch schwer, uns unseren eigenen Verletzungen zu stellen. Das passt nicht gut zu einer Welt, in der Perfektion und Selbstoptimierung eine große Rolle spielen. Verletzlichkeit wirkt schnell wie ein Makel. Dabei ist sie oft der Beginn echter Entwicklung.
Ist der Bremer Männertag ein Ort echter Veränderung – oder nur ein geschützter Wohlfühlraum?
Klama: Das Risiko besteht immer. Ein Schutzraum ist wichtig, aber er darf kein Endpunkt sein. Entscheidend ist, was Männer danach anders machen – in Beziehungen, im Umgang mit Konflikten, mit Verantwortung. Der Männertag kann Impulse geben. Gehen müssen die Männer selbst. Aber sie sind nicht allein.
Welche Männer erreicht der Männertag bisher noch nicht ausreichend?
Klama: Wir erreichen noch zu wenige jüngere Männer, Männer mit prekären Lebenslagen oder mit Migrationserfahrung. Das hat mit Zugängen, Sprache und manchmal auch mit unseren eigenen blinden Flecken zu tun. Männerarbeit muss sich hier weiter öffnen – sonst bleibt sie elitär.
Wann hast du selbst gemerkt, dass dein eigenes Bild von Stärke nicht mehr getragen hat?
Klama: In Momenten, in denen ich gemerkt habe, dass Durchhalten nicht mehr weiterführt. Ich halte oft zu lange an Dingen fest. Stärke hieß dann für mich, innezuhalten, mich auszutauschen und meine Unsicherheit anzusprechen. Das war unbequem – aber rückblickend macht genau diese Klarheit stolz und zufrieden.
Woran würdest du merken, dass Männerarbeit ihren Kern verliert?
Klama: Ich werde vorsichtig, wenn Workshops schnellen Erfolg versprechen. Profitiert habe ich eher von langfristigen Verbindungen zu anderen Männern.
Selbst wenn Kontakte lange zurückliegen, kann ich mich heute noch darauf berufen. Das ist unsere gemeinsame Geschichte, unser Moment. Männerarbeit verliert ihren Kern, wenn sie auf schnelle Effekte setzt. Sie gewinnt an Tiefe, wenn Beziehungen entstehen, die tragen.
Was nehmen Männer idealerweise vom Männertag mit nach Hause?
Klama: Vielleicht keine fertigen Antworten, aber gute Fragen. Und die Erfahrung, dass Stärke auch heißen kann, sich zu zeigen, Hilfe anzunehmen und Teil eines Wir zu sein.
Wenn ein Mann nach dem Tag mutiger ist, ehrlicher mit sich selbst umzugehen – dann ist viel erreicht.
Zum Abschluss: Wenn du das Motto in einem Satz zuspitzen müsstest?
Klama: Stärke beginnt dort, wo ich mich selbst ernst nehme – und endet nicht bei mir, sondern wirkt in die Gemeinschaft hinein.
Vielleicht ist das die eigentliche Bewegung hinter dem Motto „Starkes Ich – starkes Wir“: Stärke entsteht nicht im Alleingang. Sie wächst im Kontakt, in der Reibung, im gemeinsamen Aushalten von Unsicherheit.
Der Bremer Männertag versteht sich nicht als Lösung – sondern als Raum.Was daraus wird, liegt bei denen, die ihn betreten.



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