Stärke neu denken
- Fabian Surrey
- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit

Über Männlichkeit, Macht und den Umgang mit Gewalt gegen Frauen
Heute werden wir einmal politischer: Das Organisationsteam des Bremer Männertages war bei einer Podiumsdiskussion am 7. April in der Bremischen Bürgerschaft. Denn unter dem Titel „Stärke, Status, Sexismus – Das Comeback der toxischen Männlichkeit“ wurden Fragen verhandelt, die auch den Bremer Männertag im Kern betreffen. Hier unser Bericht darüber, warum es notwendig ist, Stärke neu zu denken.
Stärke neu denken: Eindrücke von der Podiumsdiskussion in der Bremischen Bürgerschaft
Moderiert wurde der Abend von Frauke Meyerdierks. Sie versuchte sichtbar, keinen bloßen Schlagabtausch zu organisieren, sondern einen Diskurs, in dem Unterschiede ausgehalten und Differenzierungen möglich werden. Das war wichtig. Denn gerade bei Geschlechterfragen kippt die öffentliche Diskussion schnell in Lagerdenken.
Björn Süfke (Männercoach) brachte aus 27 Jahren Männerberatung eine Perspektive ein, die auch für den Bremer Männertag zentral ist: Männer brauchen Räume, in denen sie tradierte Männlichkeitsbilder hinterfragen können. Welche Vorstellungen von Stärke tragen? Welche engen ein? Welche machen unfrei? Seine Botschaft war klar: Männliche Emanzipation ist nötig, weil patriarchale Strukturen nicht nur Frauen schaden, sondern auch Männer beschädigen – in ihren Beziehungen, in ihrer Gesundheit und in ihrem Selbstverhältnis.
Wann Stärke in Dominanz kippt
Damit war auch die Leitfrage des Abends berührt: Wann wird aus Stärke Dominanz? Dominanz beginnt dort, wo Selbstbehauptung in Machtanspruch umschlägt, wo Beziehung als Kontrolle verstanden wird und wo Freiheit des Gegenübers als Bedrohung erlebt wird. Gewalt gegen Frauen erscheint dann nicht mehr nur als Tat einzelner Täter, sondern als Zuspitzung einer tiefer liegenden Logik. Sie beginnt oft viel früher: in Abwertung, im Besitzdenken, im Kommentieren von Körperlichkeit und im Anspruch, Grenzen anderer nicht wirklich anerkennen zu müssen.
Bettina Wilhelm (Landesfrauenbeauftragte) stellte diese Zusammenhänge klar in einen strukturellen Rahmen. Gewalt gegen Frauen ist keine private Angelegenheit und kein Randthema individueller Verfehlung. Antifeminismus, so ihre Perspektive, ist eine politisch gewollte Ideologie, die an Frauenhass andockt und als Brücke in extremistische Weltbilder dient. Dass geschlechtsbezogene Gewalt weltweit zu den größten Menschenrechtsverletzungen gehört, gab dem Abend den nötigen Ernst. Zugleich betonte sie die Bedeutung starker Vorbilder.
Antifeminismus, Extremismus und soziale Medien
Thorge Köhler (Leiter des Landesverfassungsschutzes) ergänzte diese Sicht aus Perspektive des Verfassungsschutzes. Antifeminismus wirke inzwischen als verbindendes Element zwischen extremistischen Milieus, die sich sonst in vielem widersprechen. Besonders alarmierend sei die Entwicklung unter sehr jungen Menschen: Seit zwei bis drei Jahren seien in ganz Deutschland antipluralistische Haltungen und Gruppenbildungen unter jungen Männern zu beobachten, die sich etwa gewaltbereit gegen Christopher-Street-Day-Veranstaltungen richten. Extremistische Organisationen greifen solche Tendenzen auf und verstärken sie.
Deutlich wurde auch, welche Rolle soziale Medien dabei spielen. Wenn jungen Männern in hoher Frequenz misogynes Material in ihre Feeds gespült wird, bleibt das nicht folgenlos. Dazu kommt, dass viele Jugendliche sich stark an Kommentaren orientieren. Wer dort Deutungshoheit gewinnt, prägt auch Weltbilder. Mehr Medienkompetenz, mehr demokratische Präsenz auf den Plattformen und mehr Verantwortung der Plattformen selbst wurden deshalb zu Recht als wichtige Aufgaben benannt.
Was Männer gewinnen, wenn sie Rollenbilder hinterfragen
Ein weiterer starker Gedanke des Abends war: Männer müssen besser verstehen, was sie selbst gewinnen können, wenn sie sich aus engen Rollenbildern lösen. Wer Männlichkeit vor allem mit Härte, Konkurrenz, Unverletzbarkeit und Kontrolle verbindet, verliert oft den Zugang zu wichtigen Seiten des eigenen Lebens – zu Fürsorge, Resonanz, Ambivalenzfähigkeit, Beziehungsarbeit und Gesundheit. Mit der Formulierung, Rollenstereotype stutzten einen „auf die Hälfte des Lebens zurecht“, brachte Süfke das präzise auf den Punkt.
Warum patriarchale Rollenbilder so hartnäckig bleiben
Gleichzeitig zeigte die Diskussion aus unserer Sicht auch eine Grenze. Sie schien dort ins Stocken zu geraten, wo die Beteiligten stark auf aktuelle Phänomene bezogen und in ihren jeweiligen institutionellen Perspektiven blieben: die Gleichstellungsbeauftragte, der Verfassungsschützer, der Männerberater. Jede dieser Perspektiven war wichtig und berechtigt. Aber eine weiterführende Frage blieb eher im Hintergrund: Warum hält sich ein patriarchales Geschlechterrollenmodell so hartnäckig, obwohl es offenkundig sowohl Frauen als auch Männer beschädigt? Und warum gelingt die gemeinsame Veränderung dieser Verhältnisse so schwer?
Hier wäre uns eine noch grundsätzlichere Perspektive wichtig gewesen. Geschlechterrollen halten sich nicht nur deshalb, weil einzelne Menschen an ihnen festhalten oder weil extremistische Akteure sie strategisch nutzen. Sie halten sich auch, weil gesellschaftliche Verhältnisse Menschen früh darauf festlegen, sich über Leistung, Kontrolle, Attraktivität, Anpassung und Status zu definieren. Männer sollen sich behaupten, Frauen sich arrangieren; beide werden auf Rollen verpflichtet, die sie zugleich stabilisieren und beschädigen. Solche Rollenmuster sind nicht nur kulturelle Relikte. Sie helfen auch dabei, gesellschaftliche Ungleichheit als normal erscheinen zu lassen. Wo Menschen lernen, sich selbst und andere nach Verfügbarkeit, Konkurrenzfähigkeit und Anpassungsleistung zu bewerten, verliert der beschädigende Charakter dieser Verhältnisse seinen Skandal und nimmt den Anschein von Selbstverständlichkeit an. Solche Rollenmuster stabilisieren nicht nur
Geschlechterhierarchien; sie tragen auch dazu bei, eine von Konkurrenz, Ausbeutung und sozialer Ungleichheit geprägte Gesellschaftsordnung als selbstverständlich erscheinen zu lassen. Solange gesellschaftliches Ansehen – insbesondere männliches Ansehen – stark an Dominanz, Verfügbarkeit, Selbstoptimierung und Konkurrenz gebunden bleibt, geraten auch Versuche der Emanzipation leicht wieder in die Logik eben jener Verhältnisse, die eigentlich überwunden werden müssten. Genau deshalb reicht es nicht, nur an Haltungen zu appellieren; es geht auch um die Veränderung von Strukturen, Erwartungen und alltäglichen Sozialisationsformen.
Einige Ansatzpunkte dafür wurden am Abend immerhin benannt: mehr Männer in Grundschulen, mehr Frauen in Leitungsrollen und in MINT-Berufen, ein Umdenken schon in der frühen Erziehung, Reflexionsräume für Jungen und Männer, mehr Sichtbarkeit demokratischer Positionen in den sozialen Medien. Wichtig war auch der Hinweis auf politische Angriffe auf Gleichstellungsstrukturen, gerade dort, wo ihr Abbau mit harmlos klingenden Begriffen wie „familienfreundlich“ bemäntelt wird.
Was der Bremer Männertag aus diesem Abend mitnimmt
Für den Bremer Männertag lässt sich aus diesem Abend einiges mitnehmen. Männerarbeit darf weder in der bloßen Übernahme feministischer Anliegen aufgehen noch in deren Abwehr. Sie muss Räume schaffen, in denen Männer sich von den Zumutungen tradierter Rollenbilder emanzipieren können. Zugleich muss sie politisch wachsam bleiben gegenüber Kräften, die Geschlechterungleichheit systematisch restaurieren oder radikalisieren wollen.
Dass das Organisationsteam des Männertages geschlossen anwesend war, war deshalb nur folgerichtig. Der Abend hat gezeigt, wie notwendig diese Arbeit ist. Er hat aber auch gezeigt, dass die Debatte weitergehen muss: tiefer, selbstkritischer und mit einem klareren Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen, die Frauen und Männer zugleich in beschädigenden Rollen festhalten.
Am Rand der Veranstaltung wurden auch Stimmen aus dem Organisationsteam medial aufgegriffen: Christoph und Karsten wurden für buten und binnen beziehungsweise für Bremen 1 interviewt. Beide Beiträge haben es am Ende leider nicht in die entsprechenden Sendungen geschafft.




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